»Venus Matinee« | Tim Ra & Jens Strüver
Videoclip | 2026 | Tim Ra & Jens Strüver
Die Angela-Davis-Fertilitätsklinik ist Labor, Heiligtum und Raumstation zugleich. In ihrem Inneren verschmelzen Technologie, Ritual und Fürsorge zu einer neuen sozialen Architektur. Frauen werden empfangen, begleitet und auf den Übergang vorbereitet. Medizinische Prozeduren gehen beinahe unmerklich in liturgische Handlungen über. Schwangerschaft erscheint nicht als privates Schicksal, sondern als gemeinschaftliche Praxis. Etwas Neues wird geboren — nicht allein Kinder, sondern eine andere Vorstellung von Gesellschaft.
Der Name der Klinik ist Programm. Angela Davis steht wie kaum eine andere Denkerin für die Verbindung von Feminismus, Antirassismus und gesellschaftlicher Befreiung. Entsprechend versteht die Klinik Fürsorge nicht als Verwaltung weiblicher Körper, sondern als Infrastruktur der Emanzipation. Freiheit erscheint hier weder als grenzenlose Individualität noch als blinder Gehorsam, sondern als bewusste Teilnahme an einer Gemeinschaft. Dennoch verweigert der Film jede einfache Utopie.
Formal knüpft »Venus Matinee« an jene Zukunftsbilder an, die das Kino der späten sechziger Jahre entwarf. Die weißen, nahezu sakralen Innenräume zitieren Stanley Kubricks »2001: A Space Odyssey«, während die glatten Oberflächen, künstlichen Materialien und choreografierten Körper an Chris Cunninghams ikonisches Musikvideo »All Is Full of Love« (1999) denken lassen. Doch wo Cunningham die Verschmelzung von Mensch und Maschine als ebenso faszinierend wie verstörend inszeniert, entwickelt »Venus Matinee« eine andere Vision: Technologie dient hier weder der Überwachung noch der Optimierung und auch nicht der militärischen Macht. Sie wird zum Medium der Fürsorge.
Die Bildwelt oszilliert zwischen Klinik und Kathedrale. Raumanzüge erinnern an liturgische Gewänder, medizinische Apparaturen an Altäre. Küsse, Trommelrituale, Schwangerschaften und technische Eingriffe verbinden sich zu einer Choreografie der Aufmerksamkeit. Die Raumstation erscheint nicht als Maschine, sondern als Organismus — als ein Ort, an dem Wissenschaft und Spiritualität nicht länger Gegensätze bilden.
Auch das Frauenbild des Films entfernt sich bewusst von vertrauten Erzählungen. Weiblichkeit erscheint weder als biologische Bestimmung noch als romantisches Ideal, sondern als schöpferische, kollektive Kraft. Die Gemeinschaft ist von Gegenseitigkeit geprägt; Begehren, Geburt und Sorge werden zu Formen gemeinsamen Handelns.
Innerhalb von »Venuswald« markiert »Venus Matinee« den Übergang vom Mythos zur Institution: Der Venuswald ist ein Ort ungezähmter Natur, an dem der Krieg seine Würde verliert und das Spiel beginnt. Das »Symposion« übersetzt diese Erfahrung in Gemeinschaft. »Venus Matinee« schließlich fragt, wie eine Zivilisation aussehen könnte, die auf denselben Prinzipien gründet.